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Südostwärts: 4. Teil Tremorgio - Lavertezzo


Am Lago di Tremorgio verbringen wir einen Ruhetag. Ein guter Ort um die Seele etwas baumeln zu lassen. Aber bevor ausruhen angesagt ist, reisen wir mit Gondelbahn und Postauto nach Biasca um Einkäufe zu erledigen. Die nächsten Tage werden uns über die Berge führen, ohne Möglichkeit einzukaufen und so füllen wir unser Vorräte auf, was eine gute Planung voraussetzt. Was wollen wir frühstücken?, was zum Lunch?, wieviele Snacks brauchen wir? und was ist praktisch zum Kochen auf unserem Holzkocher am Abend? Wir haben im Einkaufsgeschäft die Qual der Wahl. Mit schweren Einkaufstaschen fahren wir mit der Gondel wieder hoch zum Rifugio am Lago die Tremorgio. Der Wind hat aufgefrischt und im Laufe des Nachmittags wird die Gondelbahnfahrt eingestellt wegen starken Windböen. Da gibt es kein Hochkommen oder auch Runterkommen mehr, ausser zu Fuss. Da haben wir ja wieder einmal Glück gehabt.

Unsere Weiterwanderung führt uns über den Passo Vanit. Beim Aufstieg geniessen wir imposante Tiefblicke auf den Kratersee Tremorgios. Ein interessantes geologisches wie geschichtliches Gebiet. Zum Beispiel wurden hier Eisblöcke aus dem Tremorgiosee ins Tal und schliesslich mit der Eisenbahn in die Städte Mailand und Como befördert.

Was auf dem Vannitpass auffällt ist das weiss schimmernde Gesteinsband. Der Dolomitmarmor weist verschiedene Farbschattierungen auf die von weiss, gelblich bis gräulich differieren. Eine eindrückliche Gegend.

Lange verweilen wir aber nicht auf dem Vannitpass, steht uns doch noch ein langer, anstrengender Tag bevor. Der Abstieg bis nach Dalpe ist lang und da ich in Dalpe unbedingt ein Eis essen will, nehmen wir einen Umweg auf die andere Talseite, ins einzige Restaurant weit und breit, in Kauf. Leider ist dieses Restaurant mit Gesellschaften schon stark ausgelastet und wir bekommen zwar ein Kübeli Glace, aber eher etwas widerwillig.

Und wieder steigen wir aufwärts in das wunderschöne Val Piumogna, das aussieht wie ein Tal in Kanada. Aber ganz so einsam ist es nicht. Heute ist Sonntag und viele Ausflügler geniessen die Bergwelt beim Picnic und Sonnenbaden. Auch wir baden im kalten Bergbach bevor wir wieder steil hochsteigen nach Piota und wieder genauso steil runter nach Gribbio. Hier wäre unser Tagesziel erreicht aber da rund um Gribbio ein Jagdbanngebiet ist, und wir nicht wild campieren können, beschliessen wir weiter bis nach Cesc zu gehen. Ziemlich erschöpft stellen wir in der Nähe von Cesc das Zelt auf. Vom nahen Cesc hören wir Stimmen, Lachen und wir sind gespannt am nächsten Morgen das kleine Dorf auf 1450m, das nur zu Fuss zu erreichen ist, zu erkunden. Alpe Cesc ist eine Stiftung zur Belebung von alten Maiensässen. Wunderschöne renovierte Häuser in ursprünglichem Stil, ein Dorfplatz mit Pizzaofen, ein grosser Brunnen und ein kleines gemeinsames WC Häuschen. Cesc wird von Aussteigern während der Sommermonate bewohnt. Die Milch der paar Kühe wird zu Käse verarbeitet, Zivildienstler arbeiten mit und im Moment wird das kleine Dorf von Pfadikindern belebt, die da im Sommerlager sind. Wir bekommen ein Stück Tessiner Frischkäse mit auf den Weg, der in Cesc hergestellt wurde und im kalten Brunnen gekühlt wird. Einsam und steil geht es weiter zu kleinen Dörfern mit Häusern, die wie am Steilhang festgenagelt sind. Doro und Cala. Auch wir kämpfen uns in ständigem Auf und Ab dem Hang entlang bis ganz hinten im Tal eine etwas ramponierte Brücke uns über den Fluss Ticinetto führt. Die Brücke wurde durch einen Lawinenabgang im Winter verbogen. Für uns Fussgänger ist die Brücke aber noch gut begehbar und langsam steigen wir steil hoch zum Bergsee Laghetto. Viel zu kalt zum Baden. Vom See sehen wir schon den Passo die Piatto auf 2110m aber wir brauchen noch mehr als eine Stunde für den Aufstieg. Der Weg ist ausgesetzt, jeder Tritt muss sitzen und es gibt grosse Steine und Felsen auf dem Weg. Die Aussicht auf den Laghetto, zurück zu Doro und Cala ist spektakulär und wir nehmen uns Zeit für den Aufstieg. Vom Passo di Piatto soll die Capanna Cognora nur noch eine halbe Stunde entfernt sein. Die Enttäuschung ist gross, als auf der Passhöhe der Wanderwegweiser nochmals eine Stunde Wegzeit bis zur Hütte anzeigt. Spektakulär führt der Weg am Hang entlang, ausgesetzt, teilweise mit Leitern und Tritten gesichtert nähern wir uns der Capanna. Etwas erschöpft erreichen wir die wunderschöne Cognora Hütte. Die Hütte wurde wunderschöne renoviert, Mauerwerk mit Steindach, Solarzellen und sogar eine Dusche. Die Küche ist gut eingerichtet mit Gasherd und ein paar Vorräten, die man gegen Bezahlung konsumieren kann. Vor der Hütte steht ein grosser Steintisch mit schöner Aussicht. Solche Abende sind jeweils der Lohn für einen anstrengenden Wandertag.

Am nächsten Tag erwartet uns ein steiler Abstieg ins Verzascatal. Zum Glück sind unsere Beine "wandergewöhnt" und so belastet uns der Abstieg kaum. Was uns eher belastet ist ein grosser Geissbock mit ausladenden Hörner mitten auf dem schmalen Wanderweg im Steilgelände. Auch als wir uns nähern macht er keinen Schritt auf die Seite und wir können im steilen Gelände nicht ausweichen (der Geissbock könnte schon wenn er möchte). Wir getrauen uns nicht mit dem Bock zu kreuzen, wissen wir doch nicht genau, wie er reagiert wenn wir in die Nähe kommen. Auch das Fuchteln mit unseren Wanderstöcken macht ihm keinen Eindruck er steht bocksteif auf dem Weg. Allen Mut müssen wir zusammen nehmen und probieren halb auf dem Wanderweg, teils im Steilhang den Bock zu umgehen. Er macht keinen Wank und wir können zwar mit klopfendem Herzen aber problemlos kreuzen.

Zuhinterst im Tal bei Cabioi erreichen wir den Talgrund und wandern bequem nach Sonogno mit einem intakten Dorfbild. Viele Touristen schlendern durch die engen Gassen vorbei an den schönen Steinhäuser. In Sonogno handelt das Kinderbuch "die schwarzen Brüder". Wir wandern entlang der Verzasca talabwärts nach Lavertezzo. Diese Wanderung ist eine richtige Genusswanderung. Die Verzasca ist ein klarer Bergbach mit smaragdgrünem Wasser, mit von Naturbadewannnen, glatt polierten Felsen und Steinen. Auch wenn sich die Sonne nicht mehr zeigt, gibt es kein Halten und wir vergnügen und in diesen Natur-Whirlpools im eisig kalten Wasser.

Schon in Cesc haben wir uns ein Zimmer in Lavertezzo im Albergo della Posta reserviert. Als wir aber im Ristorante della Posta nach unserem reservierten Zimmer fragen, sagen uns die Wirtsleute, dass sie sie keine Zimmer haben und wir wohl nicht bei ihnen reserviert haben. Was sind wir auch für Anfänger. Anstatt in Lavertezzo haben wir in Biasca angerufen. Spontan bekommen wir in der Osteria Vittorio ein schönes Zimmer. Hier bleiben wir zwei Nächte und erholen unsere müden Beine, Füsse und etwas gereizte Achillessehne. Ein beliebtes Fotosujet ist die alte zweibogige Steinbrücke in Lavertezzo. Am Abend sitzen wir lange auf den warmen, geschliffenen Steinen der Verzasca und schauen mutigen Touristen zu die von der Brücke in die Verzasca springen.





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